Trocken

Kurz nach dem Abendessen.

Pflegekraft geht ins Zimmer, richtet das Bett der Frau Y. Diese sitzt am Tisch und beobachtet aufmerksam die Prozedur.

Dekokissen und Tagesdecke runter, alles zusammenlegen, und zwar AUFKANTE, denn die ehemalige Buchhalterin Frau Y hasst Unordnung. Zwar kann sie kaum laufen und auch nicht lange stehen. Das vergisst sie aber regelmäßig, wenn sie versucht, irgendetwas zu glätten oder gerade zu ziehen. Es gibt keine bessere Methode, Frau Y am Umfallen zu hindern, als von vornherein sämtliche in Sichtweite befindlichen Gegenstände sehr, sehr ordentlich zu plazieren.

Leider sieht Frau Y extrem gut. Ihr entgeht nichts. Und sie gibt lautstark Anweisungen: Hier zu tief, da zu hoch (neue Tischdecke), der eingeklemmte Ärmel einer Bluse in der nachlässig geschlossenen Schranktür, oder – besonders gern gehört – Hinweise auf mikroskopisch kleine Fussel auf dem Teppichboden, an die sie selber nicht herankommt, ohne deren Beseitigung sie allerdings keine Fortführung egal welcher pflegerischen Handlung akzeptieren kann …

Nun also Bettdecke zurückschlagen und das Stecklaken glatt streichen. Eine Bewegung, die aussieht, als würde man es befühlen. Natürlich kommt ebenfalls eine Bemerkung –  allerdings eine vollkommen unübliche. Besorgt fragt die stark inkontinente Dame:

„Und? Is trocken?“

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Über snoopylife

Gar nichts.
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2 Antworten zu Trocken

  1. Himmelhoch schreibt:

    Da meine Mutter noch nie witzig war, werden von ihr in Zukunft auch keine witzigen Bemerkungen zu erwarten sein. – Gestern habe ich mit Schreck festgestellt, dass sie auch die Uhrzeit nicht mehr ablesen kann – das ging vor dem Unfall einwandfrei.

  2. snoopylife schreibt:

    Im Krankenhaus sind meist nicht die idealen Verhältnisse für Menschen mit Demenz… Wenn bei uns einer aus dem KH zurückkommt, sind auch immer seine mentalen Fähigkeiten weitaus mehr eingeschränkt als vorher. Manchmal kann man verschüttete Ressourcen dann wieder hervor holen… Manchmal leider nicht.

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