Was ist

„Das geile daran, in einem Berliner Seniorenheim zu arbeiten:

Da wohnen waschechte Berliner mit der typischen Berliner Schnauze, einem
riesengroßen Herzen und einem unschlagbar coolem Humor. Und alle –
jeder einzelne von denen – war selber mal Kind, pubertierender
Jugendlicher, junger Erwachsener, verzweifelter Midlife-Crisis-
Gebeutelter und plötzlich Großeltern oder alleinstehende Witwe/Witwer
und so weiter und so fort. Die haben als Kinder Streiche gemacht, als
„Backfische“ im Park geknutscht, die haben geliebt und gelitten,
gesoffen und Parties gefeiert, die hatten heißen Sex und sind im
Sommer nackig in den See gesprungen – die waren jung und haben exakt
den gleichen Blödsinn gemacht wie wir. Die sind ja schließlich nicht
alt und gebückt auf die Welt gekommen.

Das war mit das Schönste an meiner Arbeit: Den Menschen eine schöne
Zeit zu machen. Durch quatschige Freizeitangebote wie wie zum Beispiel
Kegeln, Ballspielen, Bingo oder Klaviernachmittag. Oder eine schöne
Zeit wieder zu holen, indem man diese alten Menschen komplex wahrnimmt
und ihnen das Gefühl gibt: Ich erkenne dich. Für jemanden, dessen
Identität sich auflöst, hat es einen unschätzbaren Wert, persönlich
und individuell wahrgenommen und behandelt zu werden. Das gibt ein
bisschen Identität zurück. In einer Hölle der Auflösung und
Unsicherheit gibt das ein wenig Stabilität und Sicherheit. Und am
meisten hat man es in ihren Augen gesehen: Die haben geleuchtet! Weil
sie sich gefreut haben, dass sie nicht nur als altes Mütterchen oder
gebrechlicher Greis angesehen werden.

Davon mal ab: Nicht alle Erinnerungen waren schön. Immerhin haben alle
den Zweiten Weltkrieg erlebt – tragische Verluste, schlimme
Traumatisierungen und immer wieder: Geldschwierigkeiten! Armut, um
genau zu sein… na, kann man sich ja denken. Aber selbst das war es
wert: Die Gefühle, die bei solch traurigen Erinnerungen angestoßen
wurden, waren so intensiv und in dieser Intensität von einer
Lebendigkeit – ebenso wie die Freude. Egal, ob es Freude oder Trauer
war: Diese Menschen haben gelebt und exakt diese alten Menschen LEBEN
immer noch, mit einer Wundertüte voll von emotionalen Zuständen,
Begebenheiten, Erfahrungen oder jetzt stattfindenden Gefühlen…

Manchmal hatte ich das Gefühl, zusammen mit meinen Alten im Heim leben
wir ein pralleres intensiveres Leben als ein regelmäßiges Treffen
mit Freunden und Bekannten, bei dem in der Regel Alkohol fließt, mir
das jemals hätte vermitteln können… Diese Lebendigkeit, diese
Lebensintensität geht solchen Treffen ab. Sich gelangweilt gute Laune
antrinken und die immer gleichen Phrasen dreschen, ist im Vergleich zu
der Emotionsfülle, die ich im Heim erlebt (bzw. produziert) habe,
ziemlich fad, blass und blutleer.“

(Ehemalige Angestellte, in der Beschäftigung tätig gewesen)

siehe auch:

Gedanken zur Demenz von zackenbarsch11

Kommentar von gitti (12 Jahre in der Altenpflege gewesen)

Last not least – Sexualität im Heim, interessanter Artikel im WP-Blog von Jus@Publicum

10 Antworten zu Was ist

  1. sonjasperspektive schreibt:

    Wunderschön, wie du das schreibst- berührt mich sehr. danke!

  2. snoopylife schreibt:

    Ich leite das mal weiter… Der Text ist wirklich nicht von mir. Ich finde es aber auch sehr zutreffend. Besser kann man das nicht ausdrücken!

  3. Inch schreibt:

    Das kling spannend. Ich werde hier ein bisschen lesen

  4. Simone Spicale schreibt:

    Ein wunderbarer Text. Hab ihn gleich zwei mal gelesen! Danke dafür!

  5. ursulahaas schreibt:

    Wenn ich es so lese und nicht als Angehörige einer dementen Mutter, könnte ich mir sogar vorstellen, dass das Arbeiten mit Dementen sinnvoll, schön und bereichernd ist. Als Angehörige fällt mir diese Einstellung leider oft schwer.

  6. evelyne w. schreibt:

    den habe ich übersehen …
    und das wäre aber wirklich schade gewesen!
    genauso empfinde ich es auch. ich bin zwar nicht dort beschäftigt, aber damit.
    das leben der menschen, die sich darüber ängstigen oder leider oft auch mokieren, sieht meistens sehr blass aus.

    ich persönlich sehe es als sehr wichtig an, die perspektive zu wechseln, sich auf die augenhöhe anderer zu begeben. eigentlich immer … dann kann man verstehen und ist nicht davon abhängig, verstanden zu werden.

    und aus dieser geschichte hört man das ganz stark heraus.
    wenn man versucht, zu verstehen, wird das leben spannend, abwechslungsreich, wohl nicht immer leicht, aber das gehört zum leben.
    wer nur das leichte sucht, wird ziemlich leer bleiben …

    danke für diese geschichte und ein gutes neues jahr dir
    und natürlich auch der autorin.
    nein, eigentlich allen! *gg*

    lg lintschi

  7. frauhilde schreibt:

    Das klingt wunderschön und voll Empathie.

  8. snoopylife schreibt:

    Ja. Sie war bestimmt eine der Besten in ihrem Beruf.

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