Halblang machen – über Slow Care

Neulich saß ich mit zwei Freundinnen zusammen, die ich seit Ewigkeiten kenne. Bei leckerem Kuchen und ja, auch geistigen Getränken, wie man so schön sagt. Wir schwatzten. Und dabei stellten wir etwas fest:

Wir alle drei sind gern langsam. Betonung liegt auf gern, weil ja „langsam“ häufig ein negatives Image hat. Aber ist langsam nicht nur ein anderes Wort für gründlich? Darüber muss ich seitdem immer wieder nachdenken.

Flink sein heißt fleißig sein. Und fleißig sein ist toll! Oder nicht? Jeder weiß, dass ständige Hektik krank machen kann – dennoch bemühen wir uns immer wieder, Ansprüchen Anderer gerecht zu werden. Im Job, in der Familie, sogar an der Kasse im Supermarkt. Und wenn sich doch mal Gelegenheit ergibt, einfach nur aus dem Fenster zu sehen, spricht im Hinterkopf eine leise, fiese Stimme: Du verschwendest deine Zeit! Zeit ist kostbar! Tu was!

Mach mal halblang

Von Ilma Rakusa gibt es ein Buch, das mich unheimlich beeindruckt hat. „Langsamer!“ plädiert für Entschleunigung. Wohlgemerkt: Das Buch ist dreizehn Jahre alt. Ich kann es dennoch jedem nur ans Herz legen, denn es ist ein echter, wenn auch schmaler Schmöker. Und die Entwicklung gibt der Autorin recht.

Immer mehr Arbeit soll von immer weniger Menschen geschafft werden. Die Gründe sind vielfältig, laufen aber oft genug auf Profitmaximierung hinaus. Abgesehen davon, dass ich das Wort nicht mehr hören kann: Es kann nicht gut gehen, das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand. Was also tun? Halblang machen.

Slow Work – entspannt euch!

So weit, so gut: Ich wollte jetzt clever sein und für Slow Work plädieren. Das Wort habe ich mir selbst ausgedacht und war mächtig stolz darauf. Bis ich es (zum Glück!) mal googelte. Slow Work gibt es tatsächlich, als recht junge Bewegung in der Arbeitswelt. Wer mehr erfahren möchte, kann gern hier nachlesen, doch ich denke, es erklärt sich von selbst.

Wer sich Zeit nimmt für das, was er tut, ist zufriedener. Er liefert bessere Ergebnisse, lebt gesünder. Auch Nachhaltigkeit und Fairness spielen mit rein. Alles gute Gründe.

Slow Care – die Pflegebewegung

Super, dachte ich, wenn es das auch in die Pflege schaffen würde. Das Bewusstsein dafür, dass man nicht alles immer mehr beschleunigen kann – irgendwann ist nämlich einfach Schluss, weil die Ressourcen verbraucht sind.

Wenn die Arbeitgeber endlich kapieren würden, dass gute Pflege Zeit braucht. Und, ganz wichtig, wenn nicht ein paar Leute im Team immer wieder damit protzen würden, wie viele Bewohner sie „schaffen“.

Wär doch fein, ne? Und dann suchte ich [Slow+Work+Pflege].

Ihr könnt euch denken, was jetzt kommt.

Ich wünsche den (ehemaligen) Kollegen und Kolleginnen, die sich dafür engagieren, viel Glück! Ihr seid alles andere als Schlaftabletten. Ihr seid Avantgarde!

(Link führt zum dbfk)

Schlussbemerkung

Gehe ich ins Zimmer meines Mannes, setze mich da hin und blicke einfach nur aus dem Fenster, dann sehe ich eine riesige Birke. Sie reicht bis rauf zu uns, das ist der vierte Stock. Zur Zeit treibt sie wie wild, interessanterweise als Letzte von allen Bäumen in der Umgebung. Will sagen: Sie lässt sich Zeit.

Und sie ist wunderschön.

 

 

 

Über snoopylife

Jahrelang im sozialen Bereich tätig, unter anderem im Seniorenheim und in einer Schulbibliothek. Schließlich quasi umgefallen und nach Berufsausstieg wieder aufgestanden. Derzeit Freiberuflerin! Arm, aber glücklich.
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4 Antworten zu Halblang machen – über Slow Care

  1. alivenkickn schreibt:

    Vor zig Jahren kam „Slow Food“ auf bzw wurde Trend. Kochbegeißtert wie ich war und immer noch bin informierte ich mich was damit gemeint war.
    „Slow Food steht für genussvolles, bewusstes und regionales (Bio Produkte) Essen und bezeichnet eine Gegenbewegung zum uniformen und globalisierten Fastfood.“
    Ach grinste ich vor mich hin, das machste ja schon Mitte der 80ger Jahren. Damals gabs im TV die Sendung „Essen wie Gott in Deutschland“ Lafer, Müller Wohlfahrt, Katharina Hessler, Schuhbeck etc. waren damals alle noch in den 20gern.
    Das I-Tüpfelchen setzte Thích Nhất Hạnh dessen Buch „Das Wunder der Achtsamkeit“ ich 1997 laß. „Wenn Du eine Tasse spülst (eine Möhre schälst) tue nichts anderes als die Tasse zu spülen bzw die Möhre zu schälen. Dieses Tun fand ich toll.
    Was es bedeutete erfuhr ich als ich mir zu Beginn der 2000er Jahre ein japanisches Küchenmesser kaufte. Ich schnitt Möhren, dachte gleichzeitig an Dieses und Jenes und schnitt mir in eine Fingerkuppe. #MesserZenSchlag 🙂 Da wurde mir bewußt was er meinte mit „Tue nichts anderes als das was Du gerade tust“.
    Bewußtes – Achtsames Tun braucht in der Tat Zeit.
    Und ja 1 oder 2mal im Jahr geb ich mir auch Fastwood. 🙂

    • snoopylife schreibt:

      Ja, Slow Food war mir ein Begriff … Allerdings nicht aus eigenem Erleben. Sehr schwer finde ich übrigens dieses „Tu nur das, was du gerade tust“. Immer sind wir doch in Gedanken woanders! Eine Freundin von mir praktiziert das auch, und zu Anfang hielt ich es für esoterischen Kram … Aber eigentlich ist es extrem wichtig. Mittlerweile bemühe ich mich. Manchmal kriege ich es sogar hin. Allerdings bin ich eher der Back-Fan, da kann man stundenlang Teige kneten 🙂 Hab es für mich wiederentdeckt als Möglichkeit, mal komplett abzuschalten. Zur Fingerkuppe – autsch. War die noch dran oder ab? Japanische Messer sind ja superscharf … Gruß von Snoopy

  2. ein wohltuender Artikel, danke!

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