Fantasie

Am Morgen. Ich sitze am Tisch. Gefrühstückt habe ich, höchste Zeit, zur Arbeit zu gehen. Ich will aufstehen, jemand hält mich zurück. „Sie können nicht laufen! Wenn Sie aufstehen, werden Sie gleich hinfallen!“ behauptet er.
Blödsinn.

Mittags im Hotel. Ich habe gut gegessen, jetzt will ich mich hinlegen. Ich will aufstehen. Jemand hält mich zurück…

Abends. Schön wars hier, aber jetzt will ich nach Hause. Ich will aufstehen…
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Ich falle. Das Gesicht am Boden, merke ich, dass meine Hüfte weh tut, der Schmerz ist unerträglich. Und ich kann mich nicht bewegen. Jemand sagt, jetzt kommen Sie ins Krankenhaus.

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„Na dann stehen Sie doch mal auf, Herrgottnochmal, Sie werden schon sehen, was passiert!“ Die PK ist auf dem Sprung, aber nicht schnell und nicht kräftig genug, den Sturz der Frau Y zu verhindern.
Sprint, Notfallklingel.

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Fantasie. Zum Glück. Ich wette, viele meiner Kollegen kennen das. Man validiert stundenlang, weil man am fünften, sechsten Tag infolge einfach nicht mehr die Kraft hat, auf die alle fünf Minuten vorgebrachte Frage, wann es denn endlich los gehe, vernünftig zu reagieren – und das merken die Bewohner. Je entnervter man ist, desto unruhiger werden sie. Fast immer endet es mit Fantasien wie der beschriebenen. Wenn man sich – fast schon ohne Zungenspitze – beherrscht und einen Kollegen zuhilfe geholt, die Dame endlich beruhigt oder abgelenkt hat, dann … ist noch mal alles gut gegangen.

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Noch mal alles gut?

Wer immer am Limit arbeitet, gerät in Gefahr, das Limit zu überschreiten.

Wieso gibt es in unserem Land so wenig Personal in den Heimen? Kann man da nichts ändern? Wieso gibt es kein Gesetz, das vorschreibt, wieviele Tage am Stück gearbeitet werden darf? Wieso verdienen wir so wenig, dass die meisten von uns gezwungen sind, diese unvorstellbare psychische Belastung in VOLLZEIT zu ertragen?

Wir alle haben die Möglichkeit, im Wahljahr entscheidenden Einfluss auf die zukünftige Politik unserer Regierung zu nehmen – auch und besonders in puncto Pflege.

Lest die Parteiprogramme aufmerksam. Löchert eure Abgeordneten mit Fragen zum Thema auf http://www.abgeordnetenwatch.de/abgeordnete-337-0.html

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Über snoopylife

Gar nichts.
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12 Antworten zu Fantasie

  1. Sofasophia schreibt:

    puh!!!
    ich wünsch mir für euch in dtld ein umdenken, und für uns in der schweiz, dass wir euch darin nicht nacheifern. die tendenz geht auch in richtung abbau, doch es gibt zum glück auch gegensteuerung.
    ich hoffe, du verlierst den mut nicht und den glauben daran, dass du eine wichtige arbeit machst!

    • emia neon schreibt:

      … also, was die Schweiz betrifft: ich bin mir da nicht so sicher, dass wir nicht auch längst den Punkt „of no return“ erreicht haben ! Im Heim, wo mein Vater untergebracht war – bei Thun – und auch in der Stadt (Genf) geht’s oft bis an die Grenze der Belastbarkeit, was die PKs angeht !! Ein anderes Problem: die Preise ! das liiiiebe Geld !!

    • Sofasophia schreibt:

      mag sein. ich bin nicht wirklich auf dem neuesten stand, höre nur hier im aargau, wie die politikerInnen diskutieren.
      danke für deine rückmeldung!

    • snoopylife schreibt:

      was diskutieren sie denn?

    • Sofasophia schreibt:

      dass eben kein abbau auf kosten wehrloser, pflegebedürftiger stattfinden darf. dazu ist zu sagen, dass in der schweiz das kranken-/pflege- und heimwesen ganz anders organisiert ist als bei euch. ich bin aber zu wenig nah dran, um wirklich kompetent deine fragen zu beantworten.
      (die pflegekosten werden jedenfalls grösstenteils privat bezahlt und so gibts dann halt eine art „klassensystem“ … auch nicht ideal.)
      lösungen hab ich leider keine!

    • snoopylife schreibt:

      wer hat schon lösungen… danke für die antwort, finde es immer interessant zu erfahren, wie das in anderen ländern läuft.

    • snoopylife schreibt:

      Nachtrag. Soeben gefunden: Ein kleiner Einblick, wie die Schweiz diskutiert:
      http://politblog.bazonline.ch/blog/index.php/18216/18216/?lang=de
      Artikel in der Basler Zeitung (bzw deren Politblog). Danke an den Alzheimerblog für den Hinweis:
      http://alzheimerblog.wordpress.com/2013/06/05/exportschlager-demenz/

  2. Clara Himmelhoch schreibt:

    Ich würde es allen Bewohnern und Mitarbeitern in Pflegeheimen wünschen, dass die Personaldecke nicht so dünn ist – aber ich fürchte ganz, ganz sehr, dieses Thema steht weder bei der Politik noch bei den meisten Wählern im Focus des Interesses, so dass sich da kaum etwas ändern wird – hoffentlich nicht sogar zum Negativen. Ich bin da sehr skeptisch, zumal ich ja jetzt im zweiten Heim sehe, wie dünn die Decke wirklich sein kann.

  3. DecemberKid schreibt:

    Ich hätte auch gern dein PW 🙂

  4. muetzenfalterin schreibt:

    Seit ich als Schülerin in der Altenpflege gearbeitet habe, ist alles noch schlimmer geworden und es war schon damals weit entfernt davon, gut zu sein. Immer noch geht es um Wachstum und Profitraten, immer noch, interessiert man (und damit meine ich die Politik) sich für Geld und Wachstum, nicht aber für Menschenwürde. Das steht im Grundgesetz, ist aber eigentlich kein Thema.

  5. madameflamusse schreibt:

    Das ganze hängt einfach mit dem Problem zusammen das Geld immer noch als wichtiger Erachtet als den Mensch… einfach nur ätzend, gerade in der Pflege. Ich habe Angst davor Alt zu werden …

  6. Susanne Haun schreibt:

    Seit ich meine Oma regelmäßig in ihrer sogenannten Seniorenresidenz besuchte, weiss ich wie dringend dort mehr Personal gebraucht wird.
    Es ist aber auch eine Einstellung – ein Vorleben. Erst dann werden sich Jugendliche für diesen Beruf entscheiden, wenn er 1. anständig bezahlt wird, 2. er respektiert wird und 3. auch das Alter respektiert wird.
    Den Kindern vorleben, dass die Eltern und Großeltern wichtig sind. Ich brauche meinen Sohn nicht daran erinnern, seine Großeltern zu besuchen. Er hat einen natürlichen Rhythmus dafür. Als er klein war, kam er immer mit mir mit zu meiner Großmutter. Wir schoben sie in ihrem Rollstuhl die Panke entlang.
    Einen schönen Tag wünscht euch Susanne

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