Time: Laufen, normalerweise

Vielleicht sieht es so aus, als würde hier im Blog nicht die Pflege in ihrer Realität gezeigt. Das liegt daran, dass mein Schwerpunkt nicht auf dem Pflegealltag liegt, sondern auf den Äußerungen, dem Verhalten Demenzkranker. Darum fallen bestimmte Aspekte meist unter den Tisch. Zum Ausgleich hier mal ein Beispiel, wie das normalerweise läuft.

Gegen 16:00h, Toilettengänge stehen an:

Während die PK darauf wartet, dass Frau X den drei Meter weiten Weg ins Bad schafft, geht sie mal eben nach nebenan.

Macht mit Frau Y, die dort wohnt, einen Toilettengang. Setzt sie hin und im Laufschritt zurück.

Frau X hat den halben Weg geschafft. PK lobt und rennt in die andere Richtung.

Setzt die Frau Z auf Toilette.

Sprint zu Frau Y, Kontrolle, ob alles in Ordnung ist.

Dann  zurück zu Frau X. Diese hat es fast geschafft, man helfe ihr beim Hinsetzen und beginne von vorn.

Die Schilderung ist übrigens paradiesisch: Im Normalfall liegen die Zimmer von Frau X, Y und Z nicht direkt nebeneinander, sondern quer über die ganze Station verstreut. UND eine der drei vorgenannten Damen zeigt meist ablehnendes Verhalten. Wiederum benötigt man ZEIT, um sie mit Engelszungen zu überzeugen…

(Wenn die PK Pech hat, steht Frau X, Y oder Z einfach auf, weil sie sich allein gelassen fühlt. Wenn die PK noch mehr Pech hat, klingelt zusätzlich Frau W, weil sie zwar noch allein zur Toilette kommt, jedoch nicht mehr allein ihre Kleidung richten kann. Wenn der Tag wirklich schlimm ist, liegt bei anschließendem Betreten des Bades Frau X, Y oder Z am Boden, weil sie vergessen hat, dass sie nicht allein laufen kann. An den miesesten Tagen hat die Frau X, Y oder Z sich was gebrochen. Für die Tage, an denen Frau X, Y oder Z sich was gebrochen hat, woran sie schließlich stirbt, fehlt mir das passende Adjektiv, denn das ist mir zum Glück noch nicht passiert.)

Man zittert. Ständig. Es könnte was passieren, während ich weg bin. Man betet. Es DARF einfach nichts passieren, denn anders kann ich nicht arbeiten, ich schaffe das rein zeitlich nicht. Alte Leute sind soooo langsam!!! Man flucht: Wenn was passiert, kündige ich. Man kündigt meistens nicht, denn meistens geht es gut. Man steht ständig unter Druck. Täglich, acht Stunden lang Hochspannung, körperliche Anstrengung, Dauerlauf, ANGST. Frust, denn so will keiner arbeiten. So müssen wir aber arbeiten, wenn wir überhaupt in dem Beruf arbeiten wollen.

Wie? Das sollte so nicht laufen? Natürlich nicht. Es läuft aber. So oder so ähnlich, nahezu überall im Land. Behaupte ich einfach mal. Denn niemand hat Zeit, bei noch so „gutem“ Pflegeschlüssel, sich eine Viertelstunde mit Frau X einfach nur fortzubewegen.

Warum eigentlich nicht?

SPON: „Immer mehr Deutsche gehen in Frührente. Besonders oft scheiden Krankenpfleger und Erzieher vorzeitig aus dem Berufsleben aus.“ http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutsche-gehen-trotz-verlusten-frueher-in-rente-a-880641.html

–>Last not least: Klick auf „Gefällt mir“ = heißt, hier muss sich was ändern.

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Über snoopylife

Gar nichts.
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13 Antworten zu Time: Laufen, normalerweise

  1. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Was ich als (noch) Außenstehende mich immer naiv frage: So ein Pflegeplatz ist ja nicht billig. Wo bleibt eigentlich das ganz Geld? Offenbar kommt es ja nie bei den Menschen an, die diese unverzichtbare Arbeit leisten.

    Danke für diesen Beitrag!
    Marie

    • snoopylife schreibt:

      Liebe Marie, noch schlimmer: Es kommt bei den Bewohnern nicht an… Denn diese zahlen dafür (wahlweise die Angehörigen oder der Staat), dass sie adäquat versorgt werden.

  2. Himmelhoch schreibt:

    Wenn ich es nicht ca. zweimal in der Woche live erleben würde, könnte ich denken oder hoffen, du übertreibst. Aber so ist die Wirklichkeit tatsächlich. – Diese Frage3 über mir stelle ich mir auch öfters. Warum ist alles andere so teuer, dass für die Einstellung von genügend Pflegekräften zu wenig Geld übrig bleibt.
    Ich kann immer wieder nur sagen, dass ich vor „euch“ und „eurer“ Arbeit den Hut ziehe.
    Gerade komme ich von meiner Mutter – heut hat sie sich noch nicht mal an ihre Enkel erinnert. – Für Angehörige ist dieses fortschreitende Vergessen so schwer zu verstehen – ich denke so oft, sie will nicht statt, sie kann nicht.

    • snoopylife schreibt:

      Liebe Clara, sag dir immer wieder: Sie kann nicht, sie kann nicht, sie kann nicht. Und wieder mal ein „gleichfalls“: Ohne euch Angehörige und eure Unterstützung für die Pflegebedürftigen würde doch das ganze System zusammenbrechen… Und für euch ist das alles noch viel schwerer…

    • Himmelhoch schreibt:

      Danke! Mir kommen nicht so schnell die Tränen – aber als heute die geliebten Enkelkinder nicht mehr präsent waren, da liefen sie doch.
      Ich habe heute eine große Bücherkiste ins Heim gebracht – die für Kultur Verantwortliche hat sich sehr gefreut – und ich auch, dass sie einem guten Zweck dienen.

  3. lomoherz schreibt:

    Und das ist der erste Schritt, bravO!

  4. Sofasophia schreibt:

    und weils geht, gehts eben so. sooo ein bullshit.
    ich sehe und staune, was ihr leistet. hut ab, trotz allem.
    und froh, dass ihr doch so viel humor und liebevolle gedanken aufbringt für die betreuten menschen.

  5. Und wenn dann noch jemand im Bett einnässt, ist sämtliche Zeitplanung dahin. Sollte es unerhörter Weise vorkommen, dass ein Hilfsbedürftiger sogar mal ein liebes Wort benötigt, was seinem Seelenheil wesentlich mehr bringt, als zusätzliche Medikamente, kann man eigentlich nur noch kündigen. Denn auf andere Weise kann diesen grundsätzlichen und eigentlich völlig normalen Bedürfnissen gar nicht nachgekommen werden.

    So? Ungefähr? Und damit ist vermutlich längst noch nicht die Spitze des Eisberges erreicht. Nicht einmal in Sicht!

    Ich kann nur sagen, dass ich PKs aufrichtig bewundere. Ich könnte es nicht. Vermutlich würde ich schon in den Anfängen schlicht auf der Strecke bleiben. Wenn nicht körperlich, dann doch zumindest seelisch.

  6. pixelspielerei schreibt:

    Ich finde es sehr erfrischend, dass Du es immer wieder schaffst, auch mal die lustigen Aspekte Deiner/Eurer schweren Arbeit zu zeigen. Der Pflege-Alltag ist hammerhart. Da tut es gut zu sehen, dass es trotzdem Moment gibt, in denen man lächeln, manchmal sogar laut lachen kann. Ohne diesen kleinen Momente bliebe häufig wohl nur noch das direkte Durchdrehen.

  7. haushundhirschblog schreibt:

    Ich ziehe den Hut vor jedem, der in der Pflege oder der Betreuung Demenzerkrankter tätig ist. Es ist ein absolut anstrengender und hochbelastender Job!
    Ich arbeite in einem Team mit Menschen mit Behinderung. Würden wir uns nicht immer wieder auch über das Erlebte und Gehörte köstlich amüsieren, könnten wir die Arbeit vielleicht nur halb so gut machen.
    Daher schätze ich hier einfach auch sehr, wie Du uns die Menschen, die an Demenz leiden, u.a. auch humorvoll näher bringst. Wir werden immer mehr mit diesem Krankheitsbild konfrontiert (werden), und ein Blog wie dieses hier, kann mitunter sogar die Angst davor nehmen. Vielleicht.
    Danke für Deine Beiträge hier,
    mb

  8. frauhilde schreibt:

    Meinen allerhöchsten Respekt vor denen, die in der Pflege arbeiten, zumal mit Dementen. In einem schlecht bezahlten Job, der einem physisch und psychisch unheimlich viel abverlangt.

  9. Wiebke Hoogklimmer schreibt:

    Vielen Dank für diesen Blog! Ich hoffe, er wird wirklich von vielen, vielen gelesen!
    Ich bewundere die PKs im Stift meiner Mutter sehr! Und sie sind in der Regel immer freundlich trotz des Stresses!
    Liebe Grüße aus Berlin
    Wiebke Hoogklimmer

  10. zackenbarsch11 schreibt:

    Solange Karrieristen wie unser ahnungsloser und inkompetenter“Gesundheitsminister“Bahr das Sagen haben,wird sich an diesen menschenunwürdigen Zuständen in den KHs und Pflegeheimen nichts aber auch gar nichts ändern.Diesen Figuren ist es ja auch egal,daß immer mehr Angehörige in die ehemaligen Ostblockstaaten verpflanzt werden,da die „Betreuung“ dort lediglich ein Drittel von dem kostet,was hier aufgewendet werden müsste.
    Die Mitgliederzeitschrift des DBfK berichtete einmal von einem Hearing zum Pflegenotstand.Herr Rösler,der Vorgänger des o.g.Herrn Bahr,lud alle Beteiligten ein.Bis auf Vertreter von Pflegenden und Angehörigen!
    Ich wünschte mir,daß dieser Skandal ein Dauerthema in den Medien würde,und daß nicht nur z.B.für S21 auf die Strasse gegangen würde.
    Für diesen Skandal sind auch wir selbst mit-verantwortlich.
    Weil wir uns nicht wehren.

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