Leben

Dies ist ein Ausnahmetext. Er gehört in eine Kategorie, die hier noch nicht existiert: Nachdenken darüber, wie wir leben. Was uns aufbaut, was uns runter zieht, wie wir unser Leben gestalten.

Frau Y: der jüngste Neueinzug unseres Hauses, mehrere Suizidversuche hinter sich, davon einige, die sie nur wie durch ein Wunder überlebte, der Gesamteindruck, den sie vermittelt, ist: depressiv, zurückgezogen, jedoch nicht dement.

Nun aber lebt Frau Y auf. Sie wird deutlich offener, lächelt die Pflegekräfte an, wirkt entspannter. Immer häufiger verlässt sie das Haus, um irgendwelche Besorgungen zu machen.

Was ist geschehen?

Sie hat aufgrund der Wohnsituation in unserem Haus ein Zimmer bekommen, das sie mit einem Schwerstpflegefall teilt: Frau Z. Diese Dame ist aufgrund ihrer weit fortgeschrittenen Demenz zu nichts mehr in der Lage. Sie spricht nicht, kann nicht alleine essen, kann ihr Bett nicht allein verlassen (geschweige denn ihr Zimmer oder gar das Haus). Selbst ihre Mimik ist aufs Äußerste reduziert, im Prinzip beschränkt sie sich auf positiv oder negativ. Frau Z lächelt (selten) oder schaut finster (meistens). Sie hat die Augen auf, oder zu. Das wars.

Das war eigentlich auch schon der ganze Text.

(Für mich ist das eine untrennbar mit dem anderen verbunden. Wie ich mich fühle, hängt zu einem Großteil davon ab, was ich um mich herum sehe. Wenn ich sehe, wie schlecht es anderen geht, kann das durchaus positive Auswirkungen auf meinen Gemütszustand haben: Nutzen wir die Zeit, die uns bleibt, so gut es geht.)

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Über snoopylife

Gar nichts.
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13 Antworten zu Leben

  1. Sofasophia schreibt:

    du meinst, das hier könnte ein ansatz für die therapie depressiver menschen sein?

    wie auch immer: deine geschichte gibt mir sehr zu denken. danke fürs erzählen!

  2. Karin schreibt:

    Toller Beitrag!
    Ich versuche schon immer so zu denken.
    Danke!

  3. vielleicht seid es aber auch ihr Pflegekräfte, einfach in dem Sinne „jemand ist um mich“ – hat sie vorher alleine gelebt?

    • snoopylife schreibt:

      Ihre exakte Wohnsituation vorher kenne ich nicht. Sie hat aber mindestens ein „Kind“ im Erwachsenenalter, welches sich auch hier sehr gut kümmert. Daran kann es nicht gelegen haben. Allerdings – wer weiß schon, woran es wirklich liegt, wenn einem alles zu viel wird.

  4. madameflamusse schreibt:

    Das ist wirklich schön. Aber als Ansatz für alle würde ich es nicht verstehen wollen. Vielelicht ist es auch die Lebendigkeit im Heim. Wir haben in meiner Ausbildung auch gerade das Thema Altern und komischerweise wird hier bei der Krisenintervention auch Vergleich als Methode mit rangezogen. Klar, wenn man es so vergleichen kann: ich kann noch so viel alleine etc. kann das echt positive Auswirkungen haben. Mich würde es wahrscheinlich eher runterziehn weil mir die Dame die nix kann so leid tun würde.
    Danke für die Geschichte 🙂

  5. doltschevita schreibt:

    Wir vergleichen zu oft. Auch wenn der Vergleich in deiner Geschichte vielleicht etwas Gutes hat…

  6. snoopylife schreibt:

    Ja, ich denke auch, dass es im Allgemeinen nicht so einfach ist. Natürlich gibt es Depressionen, aus denen der Betroffene nicht so leicht herausfindet. Vermutlich ist auch die Reaktion auf das Erlebte zu individuell, um verallgemeinern zu können. Vielleicht habe ich bei der Geschichte falsch fokussiert? Hm… Notiz an mich: erst denken, dann (klarer) schreiben 🙂

  7. pixelspielerei schreibt:

    Deinem Schlusssatz schließe ich mich gern an. Die anfänglichen Ausführungen

    „[…] mehrere Suizidversuche hinter sich, davon einige, die sie nur wie durch ein Wunder überlebte […]“

    machen mich jedoch wütend. Nicht gegen Dich, sondern auf den Umstand: Wenn ein Mensch durch aktive Handlungen klar seinen Wunsch bekannt gibt, nicht mehr leben zu wollen, warum muss man ihm diesen Wunsch „ums Verrecken“ verwehren? In diesem Fall auch noch mehrfach.

    Wenn ich für mich eine solche Entscheidung treffe und sie durchsetzen will, dann wünsche ich niemandem, dass er sich anmaßt zu glauben, besser als ich beurteilen zu können, ob ich sterben oder leben will. Dem würde ich – notfalls mit aller letzter Kraft – die „Hölle auf Erden“ bereiten!

  8. Lakritze schreibt:

    Vergleiche, neue Menschen — was auch immer es war, es stimmt mich hoffnungsvoll, daß Veränderungen, gute Veränderungen, möglich sind. Auch da, wo vielleicht keiner mehr damit rechnet — am wenigsten die Betroffene selbst. Schön.

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