Priscus Liste et al.

Nachtrag zum Artikel Leihgebühr vom 16.2.2013

Nicht immer kann es nur um die menschliche Seite der Pflege gehen.

Es gibt leider auch Seiten, die nicht mehr als „menschlich“ eingeschätzt werden können.

Wie sonst sollte man verstehen, dass Medikamente verschrieben werden, die

–  nicht nur oft nutzlos, sondern besonders für Demente in ihren Neben- und Wechselwirkungen potentiell gefährlich sind?

– scheinbar vor allem dem Zweck dienen, der Pharmaindustrie zu größtmöglichen Gewinnen zu verhelfen?

– oft sogar erst demenzähnliche Symptome hervorrufen? (Immer wieder gern verweise ich in dem Zusammenhang auf das bedenkenswerte Buch von Cornelia Stolze „Vergiss Alzheimer!“ – siehe Lesetipps auf der Unterseite „Ringsherum“)

Ich bin kein Fachmann, zugegeben.

Deshalb unterfüttere ich diesen Artikel mit Zitaten anderer, denen ich größeres Fachwissen zutraue.

Was man da so liest, ist in meinen Augen erschreckend. Z.B. am 29.1.2013 von der AOK, die nun von ihrem eigenen Institut WIdO untersuchen ließ, welche Medikamente verordnet wurden und wie häufig es dabei zu problematischen Kombinationen kam. Wohlgemerkt: Wir reden hier „nur“ von den AOK-Versicherten.

Titel: „AOK warnt vor gefährlichen Wechselwirkungen von Medikamenten – vor allem ältere Patienten betroffen“

http://www.aok-bv.de/gesundheit/versorgungsbereiche/arzneimittel/index_09551.html

“ … Ältere Patienten sind besonders von unerwünschten Wechselwirkungen ihrer verordneten Arzneimittel betroffen. Rund ein Viertel der über 65-Jährigen nimmt regelmäßig fünf oder mehr ärztlich verordnete Arzneimittel ein. Das ist das Ergebnis einer WIdO-Befragung vom Frühjahr 2012. Demnach weiß nur ein Viertel der Befragten mit einer sogenannten Polymedikation, dass es bei der Einnahme mehrerer Arzneimittel eher zu Neben- und Wechselwirkungen kommt. Bei fast jedem fünften dieser Patienten befindet sich darunter ein Medikament, das für ältere Menschen als potenziell ungeeignet gilt.“

Sicher geht der eine oder andere auch mal zur Apotheke und holt sich ein in der Werbung angepriesenes Medikament. Aber im selben Bericht heißt es: „In rund 80 Prozent der Fälle werden die riskanten Wirkstoffkombinationen durch ein und denselben Arzt eines Patienten verordnet.“

Gruselig.

Nur wenige Tage später berichtet das Ärzteblatt über eine neue hausärztliche „Leitline Multimediaktion“:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/53277/Neue-Leitlinie-zur-Medikation-multimorbider-Patienten

Vielleicht noch erwähnenswert in dem Zusammenhang die Tatsache, dass „Multimorbidität“ Mehrfacherkrankung heißt. Dreimal dürfen wir raten, wer davon besonders betroffen ist – Junge oder Alte?

Mit jeder Krankheit kommt üblicherweise ein Medikament hinzu.

Ich beneide Ärzte nicht. Sie müssen all die Nebenwirkungen im Kopf haben. PLUS die Wechselwirkungen. Vielleicht können sie auch gar nicht wissen, was der Patient sich ev. noch von diversen Kollegen verschreiben lässt.

Was hat nun die PRISCUS-Liste damit zu tun?

Diese Liste verzeichnet die Wirkstoffe, welche vor allem für Senioren unangenehme bis gefährliche Nebenwirkungen haben.

Selber lesen? Nur Mut, es ist gar nicht so schwer:

http://www.priscus.net/

Worauf ich hinaus will?

Dass viele dieser Wirkstoffe offenbar immer noch angewendet werden.

Warum?

Die WELT zählt eigentlich nicht zu meinen Favoriten unter den Zeitungen. Aber lest mal auch das hier, dann wird hoffentlich Einiges klar:
http://www.welt.de/print/wams/vermischtes/article13944640/Chemische-Gewalt-gegen-alte-Leute.html
Schaut euch vor allem mal die Kommentare an, die er hervorgerufen hat.

Ohne Worte.

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Über snoopylife

Gar nichts.
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9 Antworten zu Priscus Liste et al.

  1. Follygirl schreibt:

    DANKE für diesen Beitrag!!!
    LG, Petra

  2. Mittlerweile habe ich es bei mir so organisiert, dass einer meiner Ärzte alle Fäden in den Händen hält, wenn es um Medikamente geht. Möchte mir ein anderer Arzt etwas verschreiben, bespreche ich die Einnahme erstmal mit „meinen“ Medi-Arzt. Das funktioniert sehr gut.

    Zuvor hatte ich mir mal von einem Arzt ein Schlafmittel verschreiben lassen. In der Praxis war bekannt, welches andere Medikament ich für andere Zwecke nehme. Zuhause habe ich mich hingesetzt und festgestellt, dass es bei paralleler Einnahme beider Medikamente zur spontanen Atemdepression kommen kann. Ich fragte also in der Schlafmittel-Praxis nach, warum mir dieses Schlafmittel verschrieben wurde, wenn es doch in Kombination mit dem bekanntermaßen von mir eingenommenen, anderen Medikament zu solch verheerenden Wechselwirkungen kommen kann. Zur Antwort erhielt ich darauf ein lapidares „Ja, ich hatte mich auch schon gewundert.“. Wundern ist natürlich eine Option. Eine andere wäre gewesen, mich bei Entdecken dieses Fehlers sofort anzurufen und vor der parallelen Einnahme beider Medikamente zu warnen.

    Ich hatte mich (seit dem immer) hingesetzt, um mir die kompletten „Betriebsanleitungen“ der Medikamente durchzulesen. Aber das macht doch kaum jemand. Nicht auszudenken, wie viele erschreckende Fehler allein durch diese Fahrlässigkeiten entstehen. Schlimm, dass sich ein Patient oft nicht einmal mehr darauf verlassen kann, dass die Medikation sorgfältig ausgewählt wird.

    Mit einem anderen Beispiel lässt sich belegen, dass bei der Verordnung nicht unbedingt auf beste Wirksamkeit, sondern offenkundig häufig nur darauf geachtet wird, wie die Pharmaindustrie am besten überlebt. In meinem Fall handelte es sich um die „Unterstützung“ meines Magens. Ich sollte bestimmte Magentabletten nehmen, wollte stattdessen aber lieber mir bereits bekannte Magentropfen. Das durfte ich. Mir blieb permanentes Erbrechen erspart. Die anderen Patienten hingen ständig kopfüber. Die Tropfen kosteten für den relevanten Zeitraum ca. 13 Euro, die Magentabletten knappe 1.300 Euro. Du verstehst?

    Einer Patientin, die ich später kennen lernte, empfahl ich ebenfalls diese Tropfen, statt der Tabletten. Sie machte es so und auch ihr blieb dieses zusätzliche Übel erspart. Die anderen Patienten in ihrer Gruppe nahmen die Tabletten und waren nur am Duweißtschonwas. Die Wirksamkeit der Tropfen ist also offenkundig nicht nur 1 : 100 Prozent preisgünstiger, sondern zudem wesentlich wirkungsvoller. Verschrieben werden aber standardmäßig die Magentabletten.

    Manchmal könnte ich einfach nur noch um mich schlagen!

    • snoopylife schreibt:

      Jejeje, da wird einem ja übel nur vom Lesen…
      Mir hat auch mal ein Augenarzt Tropfen verschrieben oder sogar mitgegeben, weiß ich nicht mehr genau, und mir einschärfte, ich solle auf Nebenwirkungen achten und ihm das dann ganz genau berichten. Die Nebenwirkungen setzten dann auch ein, ich nahm das Zeug nicht mehr – heute denke ich, wie naiv ich damals war: Versuchskaninchen, ohne es zu merken… Sehr, sehr merkwürdig. Über die Praktiken der Pharmakonzerne gabs irgendwo ne TV-Doku, ich such das mal.

  3. snoopylife schreibt:

    Besser extra, weil wichtig:
    Ich habe den Film aus meinem Kommentar zu Skryptoria gefunden.
    „Gefährliche Glückspillen – Milliardengeschäft mit Antidepressiva“
    Auf Youtube


    Dabei geht es zwar „nur“ um Antidepressiva, aber wie gesagt – es wird sehr deutlich, wie die Pharmaindustrie funktioniert. Mit welcher Skrupellosigkeit dort Geschäfte um jeden Preis gemacht werden. Vor allem auch interessant und sicher zu verallgmeinern – wie das funktioniert mit Zulassungen in Amerika und in der EU.

  4. Muriel schreibt:

    Ich arbeite ja selbst auch in dem Gebiet und habe auch den Eindruck, dass da sehr viel falsch läuft.
    Unmenschlich würde ich das nicht mal nennen, im Gegenteil ist es ja leider sehr menschlich, es sich gerade bei so komplexen Fragen wie den medizinischen zu leicht zu machen. Man merkt es an der Beliebtheit von Homöopathie und TCM, und oft genug arbeiten eben auch Mediziner nicht besonders rational und wissenschaftlich, sondern mehr nach Gefühl und eher mit dem Ziel, ihre Ruhe zu haben.
    Ich bin ganz deiner Meinung, dass Patienten und (gerade in diesem Segment ja meistens) Angehörige sich besser informieren sollten, um ihre eigene Verantwortung wahrnehmen zu können, auch gegenüber den (manchmal nur scheinbaren) Experten.

  5. seelensupergrau schreibt:

    Danke für diesen tollen Beitrag!Bis vor kurzem habe ich ja noch als Fachkraft in der Pflege gearbeitet und kann nur sagen dass es furchtbar ist wie wenig manche Ärzte die Neben und Wechselwirkungen verschiedener Medikamente im Kopf haben. Das beginnt schon bei Medikamenten gegen Bluthochdruck die oft auf den Magen gehen- wofür dann also noch ein Magenschutzmittel verschrieben wird, sogenannte Antazida, die sich dann wiederum mit manchen Antidepressiva „beißen“,der Patient bekommt also noch ein Antidepressivum- welches aber zusätzlich noch erhöhten Blutdruck verursacht usw und wehe man will das dem Arzt verständlich machen *seufzt* (Natürlich sind nicht alle Ärzte so!Zum Glück!)

  6. Thala schreibt:

    Die Kommentatoren von „Chemische-Gewalt-gegen-alte-Leute“ sind nicht einsichtig. Im Gegenteil, sie fühlen sich sogar angegriffen. Das erschreckt mich sehr …

  7. Sofasophia schreibt:

    danke für deine aufklärenden informationen! wusste ich zum größten teil nicht, wie die meisten von uns, wie ich vermute?!

    • snoopylife schreibt:

      Hi Sofasophia, ich dachte eher – weiß doch jeder… habe darum so lange gezögert, den Artikel zu veröffentlichen. Prima, dass er was bewirkt! 🙂
      Ich danke auch allen, die hier von ihren persönlichen Erfahrungen berichten. Mit jedem Kommentar wird es verständlicher, anschaulicher – Danke euch!

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