Leihgebühr

Aus dem Zimmer von Frau Y dringen Rufe. Sie ist offenbar sehr aufgeregt. Sie kann aber, wenn überhaupt, nur noch Bruchstücke von Sätzen, manchmal gar von Worten, von sich geben. Man versteht also NICHTS.

Eine PK geht hin und versucht die Lage einzuschätzen. Zwei Möglichkeiten:

PflegeFACHkraft Bescheid sagen, sie soll der Frau etwas geben von deren Bedarfsmedikament bei Unruhe. Oder… hin und versuchen, die Dame, die sich offenbar am Rande eines Nervenzusammenbruchs befindet, zu beruhigen.

Aus purer Neugier (und weil es zeitlich gerade geht) entscheidet sich PK für Letzteres. Sie hört sich alles an, minutenlang nichts zu verstehen… Dann auf einmal ein klares Wort. „Leihgebühr!“

PK fragt nach: „Ist da noch was offen, müssen Sie da noch was bezahlen?“

Erleichtert nickt die Frau, so heftig, dass der ganze Körper mit geht.

That’s it. PK verspricht dann sofort, sich darum zu kümern. Gut, dass Sie so ehrlich waren, ich kläre das. Kriegen wir hin usw usw.

Geht raus, lässt eine angemessene Zeit verstreichen. Nach nur fünf Minuten schaut Frau Y wieder ruhig fern, lächelt der PK zu. Diese hütet sich, das Thema anzusprechen…

Zeitaufwand: 5-10 Minuten.

Bedarfsmed Aufwand: Null.

(Immer diese Gedanken. Zunächst die Frage, aus welcher Zeit wohl die Gebühren stammen und wieviel sich da bis heute so angesammelt hat.

Später und immer klarer jedoch vor allem Folgendes: Ich weiß ja nich, wie teuer so’n Medikament ist. Kommt wahrscheinlich auch drauf an, welches… Aber: Wenn man auf die Art Medis sparen kann, spart man GELD. Das Geld könnte man doch für mehr PK ausgeben, was wiederum mehr Zeit für die Bewohner bedeuten würde, so dass diese nicht so viel Medis bräuchten, was wiederum zu Ersparnissen führen würde undsoweiter.

Und ganz hinten im Hinterkopf, sozusagen im Kamtschatka des Gehirns, bildet sich als kleiner Wirbel noch eine Frage: WEM nützt die gängige Praxis? Wer verdient daran, dass Medis und immer wieder Medis gegeben werden, die häufig nicht besonders nützlich, ja  teilweise auch schädlich sind für Menschen mit Demenz? – OK, die Ferne muss warten, das ufert sonst aus, wenn ich mal so sagen darf. Wir starten aber bestimmt irgendwann eine Expedition dahin. Dann wird es u.a. um die –> Priscus-Liste<– gehen, wer schon mal schauen möchte…)

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Über snoopylife

Gar nichts.
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9 Antworten zu Leihgebühr

  1. Himmelhoch schreibt:

    Bei dir lerne ich so viel für die Zukunft, vor der ich mich aber irgendwie graule. – Das in ganzen Sätzen ist von meiner Mutter auch eingestellt worden – und das alles in dem wahnsinnig kurzen Zeitraum seit Dezember 2012. Sie macht die komplette Demenzentwicklung im Schnelldurchlauf durch. – Gestern hat sie weder ihren Tagesablauf beschreiben können noch Brotbelag noch Obstsorten – zwei bis drei kamen.
    Ich heule eigentlich relativ selten, aber dort fließen mir bei jedem Besuch die Tränen, weil ich es einfach nicht wahrhaben will, dass es in diesem rasenden Tempo mit dem Gehirn bergab geht. –
    Gegen zu viele Medikamente bin ich schon immer „Amok“ gelaufen, es schadet nicht nur der Leber, sondern dem ganzen Menschen.

  2. Sofasophia schreibt:

    diese gedankenketten zu denken ist zugleich überlebenswichtig für die eigene psychohygiene als auch „destruktiv“, weil die eigene ohnmacht so spürbar wird.

    und sollte ich auch mal dement werden, hoffe ich auf PK wie dich.

  3. muetzenfalterin schreibt:

    ein sehr schöner artikel. wieder einmal. schade nur, dass diejenigen, die für zeit-strichlisten verantwortlich sind, hier nicht mitlesen. und der pharmaindustrie würde das eh nicht gefallen.

  4. pixelspielerei schreibt:

    Solange das Gesundheitswesen fest in den Fängen der Pharma-Industrie samt einiger Ärzte ist (was selbstverständlich nur ein böses Gerücht ist und nieniemals auch nur irgendwas mit der Realität zu tun haben wird! Klar doch!), wird sich daran vermutlich nichts ändern.

    Ich denke an eine Phase zurück, in der ich von einem meiner Ärzte zur Schonung meines Magens Tabletten bekommen habe. Ich bestand darauf, mir lieber MCP-Tropfen zu verschreiben. Bekommen habe ich beides; die Apotheke muss ja auch von etwas leben. Statt der Tabletten nahm ich MCP. Ich war die Einzige im ganzen Kreis, die nicht permanent mit dem Kopp überm Klo gehangen hat. Im gleichen Zusammenhang empfahl ich einer Freundin die gleiche Vorgehensweise. Auch sie ließ sich MCP verschreiben. Sie musste nicht permanent erbrechen, ihre Leidensgenossinnen hingen ständig überm Klo. Dazu sei erwähnt, dass die Tabletten für den gesamten Zeitraum den lächerlichen Betrag von etwas über 1.200 Euro gekostet hätten. Die Flasche MCP-Tropfen reichte für die gesamte Zeit und kostete 12,95 Euro. Noch Fragen?

    Es geht offenbar kaum jemandem darum, dass für die Patienten das Bestmögliche getan wird, sondern darum, dass es der Pharma-Industrie samt Apotheken und entsprechend handelnden Ärzten gut geht. Da kann der Patient ruhig mal auf der Strecke bleiben. Macht doch nix; es gibt ja genug davon …

  5. Wiebke Hoogklimmer schreibt:

    Ja, es ist die Pharma-Lobby!

    Meine Mutter bekam auf einmal ein sehr teures „Schlangengift“ verschrieben, das die Neurologin wohl mal ausprobieren wollte. Ich bekam das erst mit, als ich mich wunderte, wieso meine Mutter so apathisch und teilnahmslos war – da wurde mir erzählt, daß die Neurologin da mal was testet. Ich war entsetzt und habe das Medikament sofort absetzen lassen, und meine Mutter, die sich schon seit Jahren im Endstadium von Alzheimer befindet, konnte – in ihrer Art – am Leben wieder teilnehmen.

  6. snoopylife schreibt:

    Cornelia Stolze „Vergiss Alzheimer!“ schreibt ausführlich zum Thema Demenz und Pharmaindustrie. Das Buch ist sehr polemisch, aber vor allem wegen dieses Aspektes empfehlenswert.
    Aktuelle Infos zum Thema in ihrem Blog:
    http://www.vergiss-alzheimer.de/

  7. evelyne w. schreibt:

    ja, die pharma-industrie ist mir seit jahrzehnten ein dorn im auge.
    meiner verwandten wurden im laufe der jahre 42 tabletten täglich (!) verschrieben!
    und da waren hämmer dabei, die wären für ein pferd zu viel gewesen. ein neuer arzt konnte das jedesmal nicht glauben, dass sie das wirklich nahm und damit nich tnur dämmernd im bett lag. und schrieb aber dann locker noch was dazu, oder etwas, damit sie diese besser vertrug.
    erst als sie ins pflegeheim kam, wurden die medis anders eingestellt. und sie musste erstmals einen höllischen entzug durchmachen!
    danach ging es ihr, natürlich jenseits der demenz – erstmal um klassen besser!

    diese wirtschafts- und konsumgesellschaft treibt wirklich derart unmenschliche blüten. es ist ein graus!

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